Die Arbeitswelt ist komplex, dynamisch und oft widersprüchlich. Führungskräfte stehen täglich vor der Herausforderung zwischen Kontrolle und Vertrauen, Stabilität und Flexibilität, Nähe und Distanz zu navigieren. Das Werte- und Entwicklungsquadrat bietet einen klaren Rahmen, um diese Spannungen nicht als Problem, sondern als Chance zu begreifen. Ist Ambiguitätstoleranz die Schlüsselkompetenz der Zukunft?

In der heutigen Arbeitswelt sind klare Werte und authentische Führung entscheidend. Doch oft erleben wir, dass eine Stärke – etwa Durchsetzungsfähigkeit oder Empathie – so stark betont wird, dass sie zur Schwäche wird. Genau hier setzt das Werte- und Entwicklungsquadrat an: Es macht sichtbar, dass jede Tugend eine Schwester-Tugend braucht, um nicht in Übertreibung zu kippen. Statt in Schwarz-Weiss-Kategorien zu denken, lernen wir Spannungsverhältnisse zwischen zwei positiven Werten zu erkennen und bewusst zu gestalten. Das schafft nicht nur innere Balance, sondern auch mehr Wirksamkeit im beruflichen Alltag.

Nicolai Hartmann und Paul Helwig legten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die philosophische Grundlage für Wertepaare, die der deutsche Kommunikationspsychologe Schulz von Thun später mit dem Modell des Werte- und Entwicklungsquadrats für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung weiterentwickelte.

Die Grundidee – vereinfacht dargestellt:

  • Tugend: Ein Wert, der uns stark macht.
  • Übertreibung: Wird dieser Wert zu stark gelebt, entsteht eine Schattenseite.
  • Schwester-Tugend: Der ergänzende Wert, der Balance schafft.
  • Übertreibung der Schwester-Tugend: Auch die Gegentugend kann ins Extreme kippen und eine eigene Schattenseite entwickeln.
Darstellung Wertequadrat, erstellt von der nw GmbH

Das Wertequadrat anhand eines konkreten Beispiels:

  • Selbstbewusstsein ist wertvoll.
  • Übertrieben wird es zu Arroganz.
  • Die Schwester-Tugend Bescheidenheit bringt Ausgleich.
  • Übertrieben wird Bescheidenheit zu Selbstverleugnung oder fehlender Durchsetzungskraft.

Ambiguitätstoleranz als Schlüsselkompetenz in der VUKA-/BANI-Welt

Neben VUKA (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität) prägt heute das BANI-Konzept die Diskussion: Zerbrechlichkeit (Brittle), Angst, Nichtlinearität und Unverständlichkeit (Incomprehensible) erfordern von Führungskräften nicht nur Agilität, sondern emotionale Intelligenz und Ambiguitätstoleranz. Führung bedeutet somit, Entscheidungen unter Bedingungen zu treffen, die selten eindeutig sind. Führungskräfte stehen vor der Herausforderung, Spannungsfelder wie Nähe und Distanz, Kontrolle und Vertrauen oder Stabilität und Flexibilität nicht nur zu erkennen, sondern aktiv zu gestalten. Genau hier bietet das Werte- und Entwicklungsquadrat einen entscheidenden Mehrwert: Es macht diese Gegensätze sichtbar und zeigt, wie beide Pole in Balance gebracht werden können, ohne in Extreme zu verfallen.

Die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten und produktiv zu nutzen, wird in der Forschung als Ambiguitätstoleranz bezeichnet. Aktuelle Studien belegen, dass diese Kompetenz für Führungskräfte zentral ist. So zeigen Untersuchungen aus dem Jahr 2024, dass Führungskräfte mit hoher Ambiguitätstoleranz Unsicherheit nicht als Bedrohung, sondern als Chance wahrnehmen und dadurch handlungsfähig bleiben. Sie fördern Innovation, schaffen psychologische Sicherheit und steigern die Teamleistung. Aktuelle Forschung zeigt, dass Ambiguitätstoleranz direkt mit Kreativität und Projekterfolg korreliert (O’Connor et al., 2024; Stoycheva, 2024). Dies sind Eigenschaften, die für erfolgreiche Führung in komplexen Organisationen unverzichtbar sind.

Führungskräfteentwicklung mit dem Werte- und Entwicklungsquadrat

Das Werte- und Entwicklungsquadrat unterstützt die Entwicklung dieser Kompetenzen, indem es verdeutlicht, dass jede Stärke eine Schwester-Tugend braucht, um nicht in Übertreibung zu kippen. Wer beispielsweise Kontrolle überbetont, riskiert Mikromanagement. Die Schwester-Tugend Vertrauen bringt Ausgleich – doch auch sie darf nicht ins Extreme kippen, sonst droht Naivität. Führungskräfte, die beide Pole bewusst integrieren, handeln flexibler, treffen ausgewogenere Entscheidungen und können Spannungen konstruktiv nutzen. Damit wird das Modell zu einem praktischen Werkzeug, um Ambiguitätstoleranz nicht nur theoretisch zu verstehen, sondern im Führungsalltag konkret umzusetzen.

Fazit

Das Werte- und Entwicklungsquadrat ist mehr als ein Modell – es ist ein Kompass für Balance und Entwicklung. Wer seine Stärken kennt und bewusst ergänzt, gewinnt an innerer Stabilität und schafft Vertrauen im Team. Für Führungskräfte bedeutet das: weniger Extreme, mehr Klarheit und nachhaltige Wirksamkeit.

 

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Literatur:

Frenkel-Brunswik, E. (2024). Zur Bedeutung der Ambiguitätstoleranz in stürmischen Zeiten. Gruppe. Interaktion. Organisation (GIO)
O’Connor, P., & Team. (2024). Dynamic competence: Ambiguity tolerance and project success. Project Management Journal.
Stoycheva, V. (2024). Ambiguity tolerance and creativity in leadership. Journal of Creative Behavior.